Kirche im SWR

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17/06/2026

Unkrautrupfen im Garten oder es zwischen den Pflastersteinen rauskratzen. Das ist ja wirklich der letzte Job, trotzdem muss es ab und zu sein, finde ich.
Und genau in dem Moment kommt meine Cousine vorbei und sagt: „Hey, der Löwenzahn hat doch so viel Power, lass ihn stehen!“ Sie liebt alles, was mit Pflanzen zu tun hat, und kennt sich super aus. Deswegen hat sie mir gleich erklärt, was so ein Löwenzahn leistet, damit er durch zwei Pflastersteine durchkommt. Und dass er das nur dank dem „Turgoreffekt“ schafft. Turgor kommt vom lateinischen „turgere“, was so viel heißt wie „prall sein“. Viele Pflanzen können in ihren Zellen einen so hohen Druck aufbauen, dass sie noch durch die engsten Stellen durchkommen und dann auch noch aufrecht ihre Blütenstängel nach oben strecken.

Seit ich das weiß lasse ich den Löwenzahn manchmal ein bisschen länger stehen, freue ich mich am Turgor-Effekt, und weiß genau: so eine Kraft brauche ich auch!
Wenn es mich schier zwischen zwei Streithähnen zerreibt und ich doch versuche ein bisschen Platz zwischen den beiden zu schaffen. Oder wenn in meinem eigenen Kopf eine festgefahrene Meinung scheinbar alles zubetoniert. Wenn mich dann jemand davon überzeugt, dass es anders ist als ich dachte.
Was für ein Gottesgeschenk, dieser Turgor-Effekt! Ich sehe darin Gottes Power, wenn sich das Leben noch durch die schmalsten Ritzen zwängt. Wenn ein Löwenzahn, ein ganzer Mensch oder ein neuer Gedanke sich Platz schafft, und dann aufrecht dasteht und blühen kann.

/ Ruth Schneeberger mit "Turgor" in den SWR3 Gedanken.

15/06/2026

Was für ein wunderschönes lila Blütenmeer! Das Mohnfeld bei uns am Dorfrand ist was ganz besonderes, denn normalerweise kennt man den Mohn ja in rot und nur so vereinzelt am Wegrand.
Blaumohn dagegen blüht lila, und meistens gleich in ganzen Feldern.

Ich bin mit meiner Freundin dorthin spaziert und kaum sind wir dort, kommen noch andere. Ein frisch verliebtes Pärchen macht Selfies, ein Rennradfahrer hält an und staunt einfach nur.
Der Bauer aus unserem Nachbarort pflanzt den seltenen Blaumohn an, für Mohn-Öl oder die klassischen Mohnsamen, die man für Mohnschnecken und -brötchen braucht.
Verrückt, wie dieses Mohnfeld auf mich wirkt. Die lila Farbenpracht beruhigt mich, und es steigt dieses Gefühl in mir auf: „Wie schön, dass wir jetzt grad da sind!“
Meine Freundin meint: „Lang blühen die nicht mehr, schau, die ersten Blütenblätter fallen schon ab!“
Vielleicht macht genau das diesen Moment am Mohnfeld aus:
Du stehst davor und begreifst: diese Blüten sind so empfindlich, sie verblühen bald, und gleichzeitig ist die Frucht mit den Samen so prall gefüllt. In einer Kapsel stecken bis zu tausend Mohnsamen.

Was für ein Bild für das Leben, denn da ist es ja ganz ähnlich: die schönen Momente, in denen alles in dir aufblüht, gehen schnell vorbei. Und was in jedem einzelnen Leben steckt: das sind tausend Möglichkeiten. Tausend Entscheidungen, tausend Gefühle, tausend Chancen mich zu entfalten.
Diese herrlichen lila Mohnfelder! In manchen Gegenden blühen sie noch bis Mitte Juni! Also nichts wie hin, und Mohnfeld und Leben bestaunen!

/ Ruth Schneeberger mit "Lila Mohn" in den SWR3 Gedanken.

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