Evangelischer Rundfunkdienst
03/07/2026
Verlorene Söhne
Die Stimmung nach dem WM-Aus für Deutschland
Die Gedanken zur Woche von Pfarrerin Barbara Manterfeld-Wormit
Elf Jungs verlassen ihre Heimat, versuchen in der Ferne ihr Glück und scheitern krachend. Wie nimmt die Heimat sie wieder auf? Rechnet sie gnadenlos ab oder hält sie zusammen trotz Niederlage?
Ein Gutes hat das frühe Ausscheiden unserer Fußball-Nationalelf: Der Schlafrhythmus stabilisiert sich. Spiele, die nach 22 Uhr beginnen und nicht vor Mitternacht enden mitten in der Schul- und Arbeitswoche – das zehrt körperlich. Selbst wer Fußball ignoriert, wird nachts durch Hupen, Grölen und Böllerschüsse aus dem Schlaf gerissen.
Am Montag beim K.o.-Spiel gegen Paraguay bin ich tapfer in der Halbzeitpause ins Bett gegangen – wegen eines frühen Termins am nächsten Tag. So konnte ich die Hoffnung in den Schlaf mitnehmen. Am Morgen war sie dann verflogen: Deutschland raus, Katerstimmung am Frühstückstisch, Fahnen und Autowimpel über Nacht verschwunden. Kompletter Stimmungswechsel im Land. Jetzt wird abgerechnet. Mit Trainer und Spielern, die noch vor kurzem Hoffnungsträger, ja mehr noch: „unsere Jungs“ waren – jedenfalls für viele. Jetzt haben sie verloren.
Mir schießt, passend zum Fußball, ein Gleichnis durch den Kopf. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn – hier gegen den Strich gebürstet anders erzählt: Macht sich ein Sohn auf in die weite Welt und scheitert auf ganzer Linie. Schande für den Vater, der Sohn ein kompletter Versager. Mit gesenktem Haupt geht er zurück in die Heimat. Kein jubelnder Empfang mit wehenden Fahnen, keine knallenden Korken, kein goldener Pokal und keine Umarmung.
Wir Menschen sind gut im Abrechnen. Und es ist ja auch recht und billig, dass geliefert werden muss, wo so vieles auf dem Spiel steht. Für den kommerziellen Profifußball gilt das erst recht. Darum endet das Gleichnis für die elf verlorenen Fußball-Söhne plus Coach mit Schimpf und Schande, Spott und Besserwisserei. Es wird die ganze Beziehung infrage gestellt, notfalls mit Rauswurf und Trainerwechsel beendet.
Ich weiß, mein Vergleich hinkt. Der verlorene Sohn im Lukasevangelium ist kein Profifußballer. Der Vater, zu dem er am Ende zurückkehrt, ist nicht eine Nation oder der Deutsche Fußball-Bund. Aber beide Geschichten – die vom verlorenen Sohn und die vom WM-Aus – erzählen davon: Dinge gehen schief. Träume platzen. Es kommt anders, als man hofft. Es wird einfach nicht geliefert.
Ich habe auch schon mal im Team der verlorenen Söhne und Töchter gespielt. Jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn man scheitert, einem das Vertrauen entzogen wird und die Zuneigung dazu. Der Fall ist tief. Und die Erkenntnis bitter: Egal was ich vorher geleistet habe, das ist nichts mehr wert, wenn ich im entscheidenden Spiel patze. Ich bin ganz unten angekommen, wenn keiner da ist, der mir die Treue hält. Verloren ist, wer aus der Beziehung und aus der Gemeinschaft fällt.
Ich vermisse diesen Hauch von Gemeinschaft, der auch in der Krise zusammenhält. Fußball kann das. Mein persönliches Highlight während der WM war dieses Public Viewing: in Berlin vor einer Imbissbude am S-Bahnhof mit Blick direkt auf die Stadtautobahn. Ein absoluter Unort: laut, dreckig, stinkig. Aber auf einmal stehen Holzbänke draußen. Girlanden wurden zwischen Bude und Brüstung gespannt. Glückliche, gespannte Gesichter vor dem Flachbildschirm, Umarmung, Gemeinschaft auf der Autobahnbrücke. Geht alles, wenn etwas verbindet. Die Welt wird schöner.
Die WM ist für Deutschland zu Ende. Die Geschichte vom verlorenen Sohn geht weiter. Sie erzählt von einem Neuanfang: Da kommt der Vater dem Heimkehrer mit ausgebreiteten Armen entgegen und feiert ein rauschendes Fest trotz krachender Niederlage. Er hält an der Verbindung und an der Zukunft fest.
Ein deutscher Fußballer sagte im Nachgang: „Ich werde alles dafür tun (…), dass wir Deutschland wieder stolz machen!“ (1) Ich sage mal: Das braucht es nicht. Dazu braucht es keinen Fußball. Und es braucht keinen Stolz. Der steht der Menschlichkeit oft im Weg. Mit ihm macht das biblische Gleichnis Schluss: Der verlorene Sohn hat seinen Stolz schon längst verloren, und der Vater verzichtet auf seinen.
Was zählt, ist eine Verbindung, die durch Krisen trägt. Vertrauen trotz Niederlage. Großzügigkeit statt Abrechnung. Solchen Teamgeist braucht es. Alle sind dabei. Jeder Verlierer verdient eine neue Chance.
Es gilt das gesprochene Wort.
Die vollständige Sendung finden Sie unter dem Link
https://rundfunk.evangelisch.de/gedanken-zur-woche/15912/verlorene-soehne
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